Über das, was KI hört – und was sie nie verstehen wird.
Von Angela Maria Carlucci
Bild: © Angela Maria Carlucci | sintagma.com
März 2026 | Es begann mit einer Frage, die ich auf LinkedIn gestellt hatte. Keine rhetorische – eine echte.
War sie im Raum, als die Stimmung kippte?
KI kann Texte generieren, Tonalitäten anpassen und in Sekunden übersetzen. Sie analysiert Daten, optimiert Botschaften und produziert Inhalte rund um die Uhr. Das ist unbestreitbar. Aber sie kennt nicht die Geschichte hinter dem Schweigen. Sie spürt nicht, wenn eine Botschaft kulturell falsch kalibriert ist – bevor der Schaden entsteht. Sie weiss nicht, wann man spricht. Und wann man schweigt.
Die Reaktionen auf diesen Post kamen schnell. Eine davon hat mich besonders beschäftigt: Dr. Michael von Forstner, Wissenschaftler im Bereich Pharmacovigilance und Safety Science, schrieb, er habe gerade in einer Diskussion über Ambient Listening gesessen – KI, die in Echtzeit Arzt-Patienten-Gespräche transkribiert, analysiert, Vorschläge macht. Und er bemerkte: Das Thema Schweigen war in dieser Diskussion nie aufgetaucht.
Ich musste schmunzeln. Und dann innehalten.
Die Ironie im Raum
Der Hinweis von Dr. von Forstner hat mich nicht losgelassen – und das aus einem einfachen Grund: Die Ironie hätte kaum grösser sein können.
Ich hatte geschrieben, dass KI nicht im Raum war, als die Stimmung kippte. Und genau in dem Moment baut die Medizin sie fest in einen der sensibelsten Räume überhaupt ein: das Gespräch zwischen Arzt und Patient.
KI ist jetzt physisch anwesend. Sie hört zu. Sie transkribiert. Sie schlägt vor.
Aber versteht sie das Schweigen?
Schweigen ist keine Datenlücke
In der Kommunikation – ob interkulturell, strategisch oder therapeutisch – ist Schweigen kein Ausfall. Es ist Signal. Es markiert die Grenze zwischen Information und Vertrauen, zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint ist.
Ein Patient, der zögert, bevor er antwortet, kommuniziert. Ein Verhandlungspartner, der nach einer Aussage schweigt, kommuniziert. Eine Führungskraft, die in einem Meeting nichts sagt, kommuniziert.
KI hört die Frequenzen. Aber sie kennt nicht die Geschichte hinter dem Schweigen. Sie weiss nicht, ob dieses Zögern Unsicherheit bedeutet, Scham, Widerstand – oder schlicht Nachdenken. Und sie spürt nicht, wenn eine Botschaft kulturell falsch kalibriert ist – bevor der Schaden entsteht. Genau das ist der Unterschied zwischen Datenverarbeitung und echtem Kommunikationsvermögen.
Human-in-the-loop reicht nicht
Die übliche Antwort auf solche Bedenken lautet: Aber es gibt ja immer noch den Menschen im Loop. Der Arzt entscheidet letztlich. Der Kommunikationsberater gibt frei. Die Führungskraft urteilt.
Stimmt.
Aber der Mensch im Loop schaut zunehmend auf einen Bildschirm, während der andere Mensch im Raum schweigt.
Das ist die eigentliche Verschiebung. Nicht ob KI entscheidet – sondern wohin die Aufmerksamkeit wandert, wenn sie mitläuft.
Danke an Dr. Michael von Forstner für den weiterführenden Hinweis: Ein aktueller Artikel im NEJM AI (Haug & Harrison, Februar 2026) bringt es auf den Punkt – das Human-in-the-loop-Prinzip sei zwar weitgehend anerkannt, aber schlecht definiert. Genau dort liegt das Problem. Denn was nicht definiert ist, kann nicht geschützt werden. Dass Dr. von Forstner das Thema im Juni in ein Diskussionsmeeting der Royal Society of Medicine einbringen wird – unter dem Titel „Die verschiedenen Arten des Schweigens als Metaebenen der Sprache” – zeigt: Die Frage ist längst in der medizinischen Praxis angekommen.
Was das für Kommunikation bedeutet
Ich arbeite täglich an der Schnittstelle zwischen Strategie, Kultur und Sprache – auf Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch. Und immer wieder erlebe ich: Die entscheidenden Kommunikationsmomente sind keine algorithmischen Probleme. Sie sind zutiefst menschlich.
Kommunikation ist nicht nur Information. Sie ist Präsenz. Urteilsvermögen. Das Gespür für den richtigen Ton im richtigen Moment – in der richtigen Kultur.
Das lernt man nicht aus Daten. Das lebt man.
Und genau deshalb war sie nicht im Raum, als die Stimmung kippte.
Dieser Artikel ist aus einem LinkedIn-Post und der daraus entstandenen Diskussion hervorgegangen.
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Angela ist Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin | Autorin, Referentin, Coach | Entrepreneurin
“Ich liebe Sprachen, Kommunikation, das Empowerment von Menschen und setze gerne neue Impulse. Kommunikation ist meine Leidenschaft.”
